4.11.17

Der Alzeyer Töpfermarkt zeigt hochwertige Keramik – noch bis Sonntag. Meike Hickmann von der Allgemeine Zeitung am 4. November 2017

Von Meike Hickmann
ALZEY - Zwei Stunden sitze sie an der Form – die bauchige Füllform, die schmale Tülle, der Deckel, der Knauf, alles einzeln. Dann noch vier Tage und vier Nächte im Holzbrandofen bis schließlich eine Teekanne auf dem Töpfermarkt in der Schlossgasse stehen könne, der seit Freitag geöffnet hat. „Hinter zehn Minuten Arbeit stecken Jahrzehnte Erfahrung“, sagt Susanne Lukács-Ringel. Seit 35 Jahren arbeitet sie als Keramikerin, sie habe ihren Stil gefunden. Jedes Jahr komme sie nach Alzey zum Markt. „Es ist wie eine Familie, man kennt sich, fragt sich, wie das Jahr war“, sagt sie.
Einmal im Jahr werfe sie an ihrem Haus, das hinterste in einem schwäbischen 100-Einwohner-Dorf, den Holzbrandofen an. 15 Kubikmeter Holz werden dann verfeuert, ein bisschen landet als Asche auf dem Geschirr, um verwaschene Schatten zu hinterlassen. Mit Steinzeug habe sie angefangen, das ist bei 1300 Grad gebrannter Ton, ritz- und spülmaschinenfest, inzwischen liege ihr Schwerpunkt auf salzglasiertem Porzellan. Keramik heißt es alles – Porzellan, als sehr reine Masse ist eine Extragruppe. Irdenware und Steingut sind niedriger gebrannte Keramik.
Ein Mann fragt nach dem Preis einer großen, ovalen Vase mit ausgefallener Struktur, Lukács-Ringel nennt einen dreistelligen Betrag. Es stecke nun mal lange Arbeit dahinter – aber man habe ja auch lange Freude daran. „Handgearbeitetes hat eine Seele“, sagt sie. Dann entdeckt sie eine Frau, die vorsichtig eine der fein ziselierten Tassen wendet. „Sie ist jedes Jahr meine erste Kundin“, flüstert Lukács-Ringel und wendet sich ihr zu.
Ulrich Witzmann kommt auch jedes Jahr her – dieses Jahr mit seinen Brunnen als Sonderaussteller. „Lebendiges Wasser“ ist der Titel, Inspiration fand er in der Trockenheit, auf 4500 Metern in Peru. Die Puya Raimondii warte auf die Regenzeit, dann lasse sie einen 15 Meter hohen Blütenstamm wachsen, den sie mit Wasser versorgt. Herkömmliche Pumpen schaffen nur zehn Meter. Vom rundlichen Wuchs vor der Fruchtreife bis zum Absterben mit hängenden Blättern – die verschiedenen Formen der Pflanze finden sich wieder in seinen Brunnen. Rillen erzeugen eine Wellenoptik des abfließenden Wassers, jeder plätschert anders. „Eine dezente Akustik“, nennt das der Nieder-Olmer Künstler. Der schönste Moment bei der Arbeit? „An der Drehscheibe, wenn aus einer Masse langsam ein Zylinder wird“, sagt er.
Tassen, Teller, Ölkännchen, Seifenspender, Vogelhäuschen, sogar einen Grill gibt es aus Keramik. Susanne Altzweig tarnt sich fast mit ihrer bunten Strickjacke zwischen ihren Ausstellungsstücken. Ihr Thema, unschwer zu erkennen: Farbe. Sogar ihr Haar schimmert bläulich. Die Formen sind schlicht, ohne Absätze, so sei Platz für das helle Grün des Frühlings oder das tiefe Rot des Herbstes. „Ich liebe die leisen Töne, aber auch die kräftigen“, sagt sie und streicht über einen Teller, in dem Blau und Violett verschwimmen wie in einem Aquarell. Zuerst brenne sie die Formen auf 930 Grad vor. Dann schwemme sie Tonreste mit Wasser auf und mische die Farbpigmente ein – „das hat dann die Konsistenz von Joghurt“, sagt sie. Damit malt sie auf den Ton und brennt nochmal bei 1200 Grad.
Sie schätze das hohe Niveau des Alzeyer Marktes sehr. Statt einer Aussetzregel, um immer wieder neue Kunsthandwerker zu zeigen, setze er auf Beständigkeit. „Es ist schwierig, hier reinzukommen“, sagt sie. Deshalb bleibe sie, auch wenn es vergangenes Jahr nicht ganz so gut lief. Sie beobachte einen Trend zur Wertigkeit, sogar jüngere Leute würden beginnen, Keramik zu sammeln, um stolz eine handgearbeitete Teetasse in der WG zu präsentieren. Ein Trend zur Nachhaltigkeit, zum Selbstgemachten. „Die Leute haben das Gefühl, die Welt draußen nicht beeinflussen zu können, aber die drinnen schon“, sagt sie. Also, warum es sich nicht dort besonders schön machen. Der Töpfermarkt füllt sich schnell am Freitagnachmittag.

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